Aktuell Ausbildung

Der Kopf sagt „bleib“, der Bauch sagt „gehn“… – Mein erstes Trudeln

Pünktlich zum Saisonstart fand wieder das schon traditionelle Trudeltraining im Rahmen des Osterfluglagers statt, durchgeführt von Mitgliedern der Kunstfluggemeinschaft Hessen auf dem „Fox“. Unser Segelflugschüler Dr. Alexander Brunckhorst hat teilgenommen und seine bewegenden Eindrücke in Kopf und Bauch für uns zusammengefasst.

Der Termin ist eine Konstante im Jahresprogramm des AeC BN: Die Flugsaison beginnt traditionell mit einem Sicherheitstraining gemeinsam mit der Kunstfluggemeinschaft Hessen, in dessen Rahmen wir Segelflugschüler die Gelegenheit haben, vor unserem ersten Alleinflug ein Trudeltraining zu absolvieren. Die Logik ist zwingend: Das Betreiben einer Sportart, bei der man das Sportgerät in einer Extremsituation nicht im Griff hat, ist nicht professionell und äußerst leichtsinnig – aus diesem Grund gehört das Trudeln zur Ausbildung dazu. Aber gegen die Anmeldung zum Training spricht das flaue Gefühl im Magen, das man aus den Abkippübungen kennt und das beim Trudeln um ein Vielfaches unangenehmer sein muss. Ausschlaggebend für meinen Entschluss zur Teilnahme am diesjährigen Trudeltraining war schließlich der Besuch eines Vortrags in Gelnhausen bei dem Benny Schaum im Februar seine Präsentation „Angst als Gegner im Cockpit“ vorstellte, die es mir erlaubte, mich mental mit meiner Angst vor der Trainingseinheit vorab auseinander zu setzen.

Dennoch waren die Knie weich als ich mich am 4.4. mit ausgefüllter Tagesmitgliedschaft für die Kunstflugemeinschaft bei Tine zum Trudeln meldete. Der Empfang durch Tine und Thies war herzlich und bei reichlich Kaffee wurde mir der geplante Trainingsablauf mit Einweisung und Sitzprobe im Fox, F-Schlepp auf 1.200m, Trudelübungen bis auf 500m sowie anschließender Landung im Detail erläutert. Die drei Phasen des eigentlichen Trudelns unterteilte Tine in sechs Schritte, die mich fortan begleiten sollten: 1. Seitenruder treten, 2. Knüppel ziehen zur Einleitung, 3. Gegenseitenruder treten und 4. Knüppel neutral zum Ausleiten sowie 5. Seitenruder neutral und 6. Knüppel ziehen zum Abfangen. Im Fox selbst fand ich dann meine Sitzposition und die beidhändig zu fixierende neutrale Knüppelposition, wurde doppelt angeschnallt und Tine ging mit mir zum wiederholten Male die sechs Schritte meiner Übung durch, die sie als lebendes Tonband während Trainings mitlaufen lassen würde.

Dann ging es in die Luft. In 1.200m klinkte Tine in der Südbox aus und übergab mir den Fox. Ich hatte die Möglichkeit, mich bei einigen Flugmanövern mit der direkten Reaktion der Maschine auf Ruderbewegungen vertraut zu machen und dann wurde es auch schon ernst: Nase über den Horizont und Fahrt abbauen. Bei 110km/h lief das Tonband an: Seitenruder treten, Knüppel ziehen. Der Fox kippte zur Seite weg und drehte mit der Nase voran Richtung Boden. Ein Gefühl wie in einem Klavier, das in der 20. Etage aus dem Fenster geworfen wird und das sich drehend mit hoher Geschwindigkeit auf die Straße zubewegt. Das Tonband lief weiter: Gegenseitenruder treten, Knüppel neutral. Der Fox beendete die Drehung, stürzte jedoch mit zunehmender Geschwindigkeit weiter auf den Wald zu. Das Tonband meldete sich: Seitenruder neutral, Knüppel ziehen. Die Nase kam hoch, auf Horizonthöhe gab ich nach. Der Sturzflug war beendet, der Fahrtmesser zeigte jedoch weiterhin 200km/h. Tines Reaktion: Einleiten und Ausleiten des Trudelns wären schon erkennbar, jedoch sei das Abfangen lausig, da  mehr Dynamik erforderlich wäre und die Nase deutlich über den Horizont zeigen müsste, um die Fahrt auch wieder abzubauen. Hierum habe ich mich an dem Tag in zwei weiteren Trudeleinheiten bemüht, jedoch blieb der Erfolg mit erzielten Geschwindigkeiten von nicht weit unter 180km/h nach dem Abfangen überschaubar. Zur Schließung der identifizierte Lücke in der bisherigen Ausbildung haben wir dann die verbliebene Höhe genutzt, um über Bad Nauheim gezielt das Abfangen zu üben. Für den 4.4. war es das dann. Ich war erleichtert und glücklich nach 21 Minuten wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben.

In der Zeit zwischen diesen ersten drei Trudelübungen und der Fortsetzung des Trainings am 8.4. spielte ich wiederholt die 6 Schritte zur Einleitung und Ausweitung des Trudels mit anschließendem Abfangen mental durch. Bevor es dann zum zweiten Mal in den Fox ging, habe ich mit Tine meine Erfahrungen aus der ersten Trainingseinheit durchgesprochen. Hilfreich für mich war dabei insbesondere das Bild zu Schritt 6: Das Abfangen sei ein kontinuierliches, dynamisches Ziehen zur Geschwindigkeitsreduzierung, durchaus vergleichbar der Zähmung eines Wildpferdes aus dem Sattel. Dieses Bild zusammen mit den Erkenntnissen aus den ersten Übungen habe ich dann in meine Trudelübungen 4 – 7 eingebracht. Der Fahrtmesser zeigte nach dem Abfangen 120km/h. Tines Beurteilung nach dem zweiten Übungstag: Einleiten und Ausleiten sowie Abfangen zur Geschwindigkeitsreduzierung hätten geklappt, jedoch hätte ich auf die Richtung während des Abfangbogens zu achten. Bei allen Bögen sei ein Rechtsdrall erkennbar gewesen.

Fazit meines Kopfes nach zwei Übungstagen: Das Trudeln ist beherrschbar. In einer solchen Extremsituation bin ich zukünftig handlungsfähig. Ich werde mich zum Trudeltraining im nächsten Jahr anmelden, um die diesjährigen Erfahrungen zu vertiefen und meinen Rechtsdrall beim Abfangen abzubauen. Und der Bauch? Kann sich noch angenehmere Situationen vorstellen, steht der Anmeldung jedoch nicht im Wege.

Vielen Dank auch an unseren Fliegerfreund Peter Bauer für das tolle Gruppenphoto.

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