Aktuell Segelflug

Spiel mit Wind und Wellen

Segelflieger nutzen Herbststürme im Rheintal zu außergewöhnlichen Flügen.

 

Tage vorher schon beobachten die Bad Nauheimer Piloten die Entwicklung, das Sturmtief über den britischen Inseln, das System, das einige Tage später auch Sturm „Heini“ gebären wird. Am Freitag, den 13.11.2015 stand dann fest: „Am Wochenende gilt’s“ – starke Westströmung am Boden mit einer Schichtung, die auf nur geringe Bewölkung schließen lässt, bildet die ideale Voraussetzung für ihr Vorhaben.

Während der heimische Flugplatz in Ober-Mörlen schon langsam auf Winter- und damit Werkstattbetrieb umstellt, ziehen am Samstag zunächst Rainer Reubelt und Lorenz Dierschke/Felix Walluf ihre sicher im Anhänger verpackten Segelflugzeuge ins südhessische Bensheim, um von dort aus die Hangflugbedingungen an der Bergstraße zu testen.

Sie folgen damit einer Art „historischen Rückbesinnung“ im Segelflug. In den Anfängen, in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, wurde Segelflug ausschließlich an Berghängen betrieben. Wind, der auf einen Hang trifft, wird umgelenkt und steigt mit dem Gelände auf. In dem schmalen Band auf der dem Wind zugewandten Seite und über dem Hang ist es für ein Segelflugzeug möglich, mit dem Hangwind aufzusteigen und sogar die Hangkante ein wenig zu übersteigen. Besonders bekannt wurde dabei die Wasserkuppe in der Rhön, aber auch der Hangwind an den Dünen der Kurischen Nehrung (das ehemalige Rossitten) genügte den Pionieren zum stundenlangen Flug. Erst später ermöglichte die Entdeckung des thermischen Aufwinds die Loslösung von den Hängen und Bergen und damit die großen raumgreifenden Flüge des modernen Segelflugs. In den letzten Jahren wiederentdeckten ambitionierte Segelflieger für sich die Möglichkeiten des Hangflugs auch außerhalb der Alpen. Durch die Fähigkeit moderner Flugzeuge, auch größere Strecken ohne großen Höhenverlust im Gleitflug zu überwinden, eröffnen sich auch in den Mittelgebirgen, z.B. im Teutoburger Wald und eben an der Bergstraße, Möglichkeiten für interessante Flüge über größere Strecken lange nach Ende der eigentlichen Segelflugsaison.

Während sich der Samstag noch mit mäßigen Bedingungen zeigt, schafft es Benedikt Lang am Sonntag, dem Höhenzug zwischen Darmstadt und Heidelberg eine Streckenleistung von 300km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100km/h abzuringen – ganz ohne Motor, im lautlosen Gleitflug.

Oliver Stehr, Fluglehrer auf dem Ober-Mörler Flugplatz, versucht es mit einem ganz anderen, auf den ersten Blick widersinnigen Ansatz. Im Morgengrauen, die Tage sind kurz im November, fährt er auf den Flugplatz Lachen-Speyerdorf, um dort die LS8 des Vereins zum Start vorzubereiten. Lachen liegt auf der Westseite des Rheintales, am Fuße des Pfälzer Waldes und damit direkt im Lee, also der Seite, auf der die Luft eigentlich wieder den Hang hinuntergleitet und ein Segelflugzeug mit sich sinken lässt. Stehr will allerdings auch gar nicht den Hangwind nutzen, sondern ist einem ganz anderen, faszinierenden Wetterphänomen auf der Spur: Der Welle.

Ganz ähnlich wie Wasser, das in einem Bach über einen Stein strömt, und hinter dem Stein Wellen bildet, kann unter bestimmten Bedingungen auch ein Höhenzug auf der windabgewandten Seite wellenförmige Bewegungen der Luft anregen. Dieses Flugerlebnis muss sich der Pilot aber zunächst hart erarbeiten, da durch den starken Wind besonders in Bodennähe extreme Turbulenzen das leichte Segelflugzeug beuteln.

Als er die Welle schließlich findet, ist von Turbulenz nichts mehr zu spüren. Völlig ruhig und durch den starken Gegenwind fast stillstehend steigt sein einsitziges Flugzeug immer weiter in der Welle auf, die der Pfälzer Wald in der Luftströmung aufwirft. Bei 3000m, die wenigen Wolken liegen schon lange unter ihm, bricht Stehr den Aufstieg schweren Herzens ab, da in der Welt der großen Jets darüber die Flugsicherung zusätzliche Ausrüstung für die Radarführung und der Körper zusätzlichen Sauerstoff erfordert, um die volle Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Als Belohnung für die Mühen bleiben den Bad Nauheimer Piloten phantastische Bilder und Erinnerungen eines ganz besonderen Fliegerwochenendes im November.

Das ganze Potenzial dieser Wetterphänomene zeigen die Flüge anderer Piloten: Im gleichen Wetterphänomen gelingt es anderen, mit Sekundärradar und Sauerstoffflasche ausgerüsteten Segelfliegern von Lachen-Speyerdorf aus bis in Höhen von 9000m aufzusteigen.

 

Der Ritt in der Welle!

von Daniel Panczyk

Absolut ruhige Luft, ein Meer aus Wolken und und ein gleichmäßiges Steigen. Ein Wellenflug ist etwas ganz besonderes, wie die Piloten Olliver Stehr(LS8), Lorenz Dierschke mit Felix Walluf (DuoDiscus) und Benedikt Lang und ich (DuoDiscus) vom 14.11 bis zum 15.11 selber erleben konnten. Bis auf Olli starteten alle vom Flugplatz in Bensheim und haben sich mithilfe eines Schleppflugzeuges, zuerst zur Bergstraße schleppen lassen um die dortigen Hangaufwinde zu nutzen und um dann in die Tertiärwelle des Pfälzer Waldes einzusteigen.

Der Fluglehrer Stehr ließ sich hingegen bequem, vom Flugplatz Lachen-Speyerdorf aus in die Primärwelle schleppen, um dann auszuklinken. Bei dem Flug von Benny und mir ist vor allem der Hangflugpart besonders erwähnenswert. Durch optimale Windbedingungen gelang es uns sogar 2 mal 50km Schenkel mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 135 km/h zu erreichen. Der Wellenflug war bei Team Lorenz und Oli bereits bei „nur“ ca. 2900 Metern, mangels für den weiteren Luftraum fehelndem Equipment, zu Ende. Team Benny ist, um rechtzeitig zum Sonnenuntergang zuhause zu sein, nur auf 2300 Meter gestiegen.

Mit passender Ausrüstung, wie Transponder und zusätzlichem Sauerstoff, zeigte der Bonner Pilot Thomas Lebelt was an diesem Tag möglich war: Ein Höhenflug auf über 6600 Metern. Respekt!!! Als Fazit, haben wir 5 überglückliche Bad Nauheimer Piloten die unvergessliche Eindrücke gewonnen haben. Besonders Toll war das Erlebnis vor allem für die beiden fast-Scheinpiloten Daniel (15) und Felix (15), die neben einer Hangflugeinweisung auch eine Wellenexkursion bekommen haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.