Schon seit vielen Jahren geistert in meinem Kopf die Idee herum, von Ober-Mörlen aus die „1000 km-Grenze“ mit einem Segelflugzeug zu knacken. Von anderen Startplätzen aus haben das in Deutschland schon einige geschafft, aber in Obermörlen steht die weiteste, jemals geflogene Strecke irgendwo bei 850 km. Das es möglich ist, davon sind viele meiner Vereinskameraden und ich schon lange überzeugt, aber bisher hat uns immer das letzte bisschen Glück gefehlt. Manchmal sind wir zu spät losgekommen, ein anderes Mal kam das gute Wetter dann doch nicht so oder dort, wo es vorhergesagt wurde.

Auf die Wetterlage vom letzten Sonntag hatte mich zunächst Lorenz aus unserem Verein aufmerksam gemacht. Am Donnerstag kam schon der Alarm über die „Whats-App“ – Gruppe, dass wir am Sonntag Wetter zur Bundesliga bekommen, aber auch eine Wetterlage für große Dreiecksflüge kommen könnte. Also habe ich mir die diversen Wettervorhersagen angeschaut und tatsächlich – „POLARE KALTLUFT“ war das Zauberwort, was in mir alles aktivierte. Nun fragt sich vielleicht einer: „Wie gibt es denn Thermik – also aufsteigende Warmluft, wenn es kalt ist?“

Die Antwort ist wie immer im Leben: „Alles ist relativ“. Ist die Luft über der Erde deutlich kälter als die Erde selbst, dann kann die Luft extrem schnell aufsteigen und das ermöglicht das Fliegen großer Strecken! Sorge machten mir aber die sogenannte „Trog-Wetterlage“, die immer viel Feuchtigkeit und damit Schauer bringen kann sowie die sogenannten „Fussgängerqwetterberichte“, die auch von Schauern erzählten. Aber wer es nicht probiert, der kann es auch nicht schaffen!

So wurde am Samstag erstmal Frostschutzmittel gekauft, damit das Wasser in den Flügeln nicht gefriert. Ja, wir bauen die Dinger erst leicht und dann machen wir sie mit Wasser wieder schwerer. Aber das ist ein anderes Thema!

Für einen möglichst frühen Start und die Vorbereitung wurden dann die Vereinskameraden mobilisiert: Phillip R. meldete sich sofort als Schlepp-Pilot und unser Matthias – alias „Matze“ – hatte ebenfalls geschrieben, dass er um halb acht am Flugplatz sei, um mit mir gemeinsam unsere Flugzeuge aufzubauen – Segelflug ist Mannschaftssport! Am Abend vorher wurde nochmal das Wetter gecheckt und die Strecke geplant: Im Ergebnis stand ein Dreieck von 1002 KM auf dem Plan: Erst nach Neustadt-Glewe (kurz vor Schwerin), dann nach Riesa (kurz vor Dresden) und dann wieder nach Hause nach Mörle. Soweit so gut. Meine liebe Ehefrau Anne, die seit Jahren meine ganzen bekloppten Ideen mit Leib und Seele unterstützt, hat mir dann noch meine ganzen Ski-Klamotten wieder rausgeholt und mir dann die unübertreffliche Bord-Verpflegung für ca. 10 Stunden Flug vorbereitet. Ohne die Unterstützung meiner lieben Familie wäre sowas nicht möglich.

 

Sonntag, der 5. Mai:

Als um 6 Uhr der Wecker klingelt, kommt schon nochmal ganz kurz in mir die Frage: „Muss das jetzt wirklich sein?“ – Aber im gleichen Moment hat mich mein Fliegerherz schon aus dem Bett getrieben. Als ich um 7:30 Uhr an unserem Flugplatz in Mörle ankomme, ist der Boden und das Wasser auf meinem Anhänger gefroren. Kurz danach kommt auch schon Matze angerollt und wir beide freuen uns wie die kleinen Kinder auf den Tag. Mit der Unterstützung von weiteren Vereinskameraden stehe ich dann wirklich um kurz nach 9 Uhr am Start – und tatsächlich! Die ersten Wolken als Anzeichen einsetzender Thermik sind schon zu sehen. Das ist der Moment, in dem bei mir schon seit über 30 Jahren der „chemische Cocktail“ im Körper losgeht und alles in mir nur noch in die Luft will. Kribbelig schaue ich zu, wie Phillip die Schleppmaschine vorbereitet und dann um 9:45 Uhr hebe ich wirklich ab. Es geht los!

Bereits im Schlepp sind tolle Wolkenformationen zu sehen, allerdings sind diese auch nicht sehr hoch. So reichen diese nur ca. 750 Meter über Grund – das gibt wenig Platz, um von Wolke zu Wolke zu gleiten und dann wieder Thermik zu finden. So fliege ich direkt nach dem Ausklinken vom Schleppflugzeug zum Abflugpunkt und gehe die Strecke an. Nach meinem vorher festgelegten Zeitplan möchte ich um 12 Uhr ungefähr 200-230 km geflogen haben.

Mit mäßigen Geschwindigkeiten von 130-150 km/h taste ich mich durch die frühe Thermik der Wetterau und suche mir unter den Wolken die tragenden Linien heraus. Das funktioniert trotz der frühen Thermik sehr gut, so dass ich mit wenig Kreisen gut vorankomme. Zum ersten Mal schwierig wird es dann bei Alsfeld, denn die Wolken haben immer noch eine Höhe so um die 1000 Meter (über dem Meeresspiegel), aber das Gelände wird Richtung Langenberg immer höher. So bleiben mir dort stellenweise nur 500 Meter Arbeitshöhe, um mich irgendwie durchzumogeln. Aber die Sonne in Kombination mit der „polaren Kaltluft“ liefern mir immer wieder zuverlässiges Steigen in der tollen Luftmasse!

Je weiter ich nach Nordosten fliege, umso mehr wird jedoch mein Optimismus gedämpft: Die Wolken werden immer tiefer, das Gelände wird höher und auch am Boden ist zu erkennen, dass so gut wie keine Sonne mehr durchkommt, um die Erde zu erwärmen. So entschließe ich mich bei querab Göttingen deutlich nach Osten auszuweichen, da dort viel  mehr Sonne ist und die Wetteroptik freundlicher aussieht. Schon in der Vorhersage war klar, dass ein Dreieck in dieser Wetterlage sehr schwer sein wird, da von Westen her feuchtere Luft und damit mehr Wolken hereinziehen werden.

Erst kurz vor Aschersleben wird die Optik nach Norden in Richtung meiner ursprünglichen Wende wieder besser und ich freue mich, dass ich den Plan vom Dreieck noch nicht aufgegeben hatte. Ich überquere die Elbe bei Magdeburg und folge den Wolken nach Norden. Zwar finde ich immer mal wieder gutes Steigen, aber die langen Wege durch den Schatten zwingen mich dazu, relativ langsam zu fliegen, um in ausreichend Höhe wieder im nächsten Steigen anzukommen. So läuft mir dann auch der Zeitplan nach und nach davon. Um 13:30 Uhr habe ich immer noch 50 km nach Neustadt/Glewe und das Wetter wird wieder deutlich diffuser. Das bedeutet, ich müsste im schlechteren Wetter nochmal 50 km hin- und zurückfliegen – …in einer vernünftigen Schnittgeschwindigkeit jenseits der 100 km/h – (die braucht man, um in 10 Stunden 1000 km zu fliegen) – kaum machbar. So beerdige ich den Traum vom Dreieck an diesem Tag und freue mich auf die deutlich bessere Wetteroptik in Richtung Südosten.

Dort ist südlich von Berlin ein Gebiet genannt „Flaeming“, welches ich aus diversen Wettbewerben gut kenne und das durch den sandigen Boden und die vielen Wälder auch bei schwacher Sonneneinstrahlung schon oft tolle Bedingungen gezeigt hat. Gleichzeitig schiebt mich der Wind aus Nord-Osten in diese Richtung und verleiht mir zusätzliche Geschwindigkeit. Tatsächlich kommen hier die „Kracher“ an Thermik, die jedem Segelflieger das Grinsen von Ohr zu Ohr in das Gesicht treiben. Stellenweise steige ich beim Kreisen mit mehr als 6 Metern pro Sekunde in die Höhe. Mit dem guten Steigen und meinem tollen Flieger (Ventus 3) kann ich hier streckenweise mit über 200 km/h vorankommen und die Durchschnittsgeschwindigkeit pro Stunde steigt zwischenzeitlich auf über 150 km/h an. Gleichzeitig fängt bei mir das Rechnen im Kopf an: Wenn ich so weiterfliege, komme ich „im freien Flug“ wieder auf meinen Zeitplan und die 1000 km Strecke sind vielleicht doch noch drin, wenn auch nicht als Dreieck.

Kurz vor Torgau (östlich von Leipzig) fängt mich dann jedoch die Realität wieder ein. Es stehen dort viele Schauer und ich kann nicht weiterfliegen. Gleichzeitig ist der Rückweg in Richtung Kurs Ober-Mörlen aber ebenfalls versperrt. Auch hier stehen Schauer und zudem der Luftraum des Verkehrsflughafen Leipzig mir im Weg. Also, dann erst einmal wieder zurück nach Nordwesten in Richtung Flaeming lautet nun die Strategie. Dabei rechne ich Zeiten und Strecken zusammen und sehe: Die 1000 km als freie Strecke sind immer noch drin! Bei einem direkten Rückflug nach Ober-Mörlen hätte ich dort schon 900 km „auf der Uhr“, also noch 100 km zurück nach Nordosten und dann nach Hause. Soweit der Plan.

Die ersten Kilometer laufen gut. Dann wird es jedoch auch dort schnell dunkler und schattiger, so dass es immer zäher wird. Kurz vor Magdeburg bin ich zwischenzeitlich nur noch 450 Meter über Grund, als ich dann aber die rettende Thermik in der Sonne direkt neben der Elbe finde. Mit 4-5 Metern pro Sekunde steige ich in gerade mal 7 Minuten wieder auf 2200 Meter! So hoch war ich den ganzen Tag nicht und werde es auch nicht wieder kommen.

Der Blick nach Nordwesten in Schatten und Regen – weiterfliegen geht wohl nicht – und der Blick auf meinen Rechner, der mir sagt: „Geflogene Kilometer bei Ankunft Obermörlen = 982 Km“ entfachen in mir die innere Diskussion: Soll ich weiterfliegen oder umkehren? Im Ergebnis muss ich den Tatsachen ins Auge sehen und entscheide: Hier geht nichts mehr! Es sind noch über 300 Km nach Hause und auch auf dem Weg dorthin wartet noch viel Arbeit. Also entscheide ich mich für „Kurs Obermörlen“ – es ist 16:10 Uhr.

Der Weg Richtung Harz verläuft problemlos, jedoch werden die Abstände von brauchbarer Thermik und Sonne am Boden immer größer. Stellenweise muss ich über 40 km mit langsamer Geschwindigkeit gleiten, um wieder Anschluss an die Thermik zu bekommen.

Zwischen Göttingen und Sontra wird es dann immer ungemütlicher. Aus den Wolken kommt stellenweise nun schon Schneeregen und in Richtung Heimat hängen auch immer mehr die „Schleier“ aus den Wolken, die mir zeigen, dass hier Regen oder Schnee rauskommen. Und mit Wasser oder Schnee auf den Flügeln fliegt so ein Segelflugzeug mehr schlecht als recht.

Ich schaffe es nochmal auf ca. 1600 Meter zu steigen, allerdings weiß ich nicht so recht, wo und wie ich weiterfliegen kann: Überall regnet oder schauert es. Nur ganz im Westen vielleicht etwa bei Alsfeld scheint hinter dem Schauer etwas Sonne am Boden zu sein. Ich rechne und komme zum Ergebnis, dass ich schon alles aus meinem Ventus rauskizzeln muss, um dort noch in einer vernünftigen Höhe anzukommen. Mein Bordrechner zeigt mir zwar eine Ankunftshöhe von ca. 350 Meter am Flugplatz Alsfeld an, allerdings weiß der Rechner auch nicht, dass ich dazu durch einen Schauer fliegen muss. Aus leidvoller Erfahrung anderer Flüge weiß ich, wie schnell sich so eine Ankunftshöhe auch ins Gegenteil drehen kann.

Aber mangels besserer Alternativen gleite ich mit der Geschwindigkeit für das beste Gleiten – das sind so 110 km/h – in Richtung Alsfeld los. Die Kälte steigt mir immer mehr in die Knochen – es sind etwa Minus 7 Grad im Cockpit! Und bei dieser Geschwindigkeit habe ich gerade auch nicht mehr zu tun, als alle Ruder stillzuhalten und meinen Flugweg mit kleinen Schleifen zu optimieren. Meine Zähne klappern mir zwischendurch wie im Comic aufeinander…

So gleite ich fast 40 Kilometer durch „tote und ruhige Luft“ bis zum Schauer. Dort angekommen sehe ich eine Stelle, an der es weniger zu regnen scheint und durch die ich durchschlupfen kann. Direkt dahinter sieht die Wolkenkante noch brauchbar aus und es ist sogar etwas Sonne am Boden. Und tatsächlich: Es steigt wieder! Zuerst sehr gemächlich, dann immer besser und dann sogar nochmal mit über 2 Metern pro Sekunde. Doch je weiter ich nach oben komme, desto mehr regnet es um mich herum und mein Flugzeug wird zunächst mit Regentropfen und dann mit zunehmender Höhe sogar mit Schneeflocken berieselt. Als ich oben an der Wolke bin, schneit es richtig und ich freue mich wie ein kleines Kind hier genau im richtigen Moment gewesen zu sein. Gleichzeitig weiß ich beim Blick in Richtung Marburg und Heimat, dass ich nun eine gute Chance habe nach Hause zu kommen!

Als ich südlich von Marburg meine letzte Thermik „kurble“, bekomme ich von Benni und meiner Frau Anne die Info, dass es nun auf dem Heimweg nicht mehr regnet. Zwischenzeitlich ist es schon 19.15 Uhr und ich sitze nunmehr seit neuneinhalb Stunden in meinem Cockpit. Ich steige auch im schwächsten Steigen so hoch es irgendwie geht – in der Hoffnung soviel Höhe zu bekommen, um vielleicht doch noch die fehlenden 18 Kilometer mit einer Schleife südlich vom Flugplatz Obermörlen hinten dranzuhängen.

Als beim Kreisen das Variometer von 0,1m/s auf 0 zurückgeht, weiß ich, dass ich hier alles an Höhe geholt habe, was möglich war und schleiche wieder weiter. Ankunftshöhe in Obermörlen wären nun 400 Meter: Mein Ventus gleitet mit ca. 1:50, d. h. aus einem Meter ungefähr 50 Meter weit bei optimalen Bedingungen. Allerdings muss ich auch nochmal 200 Meter abziehen, um sicher am Flugplatz landen zu können. Ich überschlage im Kopf: 200 Meter zum Abfliegen, das heißt noch maximal 10 zusätzliche Kilometer sind möglich. Das wird dann wahrscheinlich doch nichts mit den 1000 km heute!

Ich versuche beim Flug nach Hause noch jeden „Lupfer“ der Luft mitzunehmen, aber es ist einfach zu spät, zu kalt und stellenweise regnet es auch wieder. So komme ich am Flugplatz Obermörlen in komfortabler Höhe vorbei und schaffe es immerhin, nochmal 11 Kilometer hinten dranzuhängen. Als ich mich dann entschließe zur Landung anzusetzen und mich im Funk melde mit der Frage: „Obermörlen, habt ihr noch Flugbetrieb?“, kommt von der vertrauten Stimme unseres Flugleiters Mark zurück: „Nein, wir beobachten dich alle hier schon seit über 2 Stunden im Trackingsystem und warten jetzt nur noch auf dich!“ Unglaublich!

Als ich nach der Landung an unserem Vorfeld vorbeirolle, stehen ganz viele Vereinskameraden „Spalier“ und machen die  „La-Ola-Welle“. Überglücklich steige ich aus und sofort kommen meine Töchter  Mirja und Elina angerannt. Dann fallen mir ganz viele um den Hals und gratulieren mir. Unser Präsi – Leo Echtermeyer – hat sogar noch ein erfrischendes Getränk für mich dabei. Was für ein Flug, was für tolle Kameraden – was für ein toller Verein – was für eine tolle Familie!

Am Ende stehen 989 geflogene Kilometer in der Wertung in 9 Stunden und 54 Minuten.