Ich wuchs in der Wetterau der 70er Jahre auf und wartete bei schönem Wetter auf die oft plötzlich auftauchenden F-104 Starfighter, die im Tiefflug über das Land jagten. Wie faszinierend musste es sein ein Flugzeug zu fliegen, das sich in einem Leistungsbereich bewegt und für das es scheinbar keine Grenzen gibt.

Diese Erinnerung blieb mir fest im Gedächtnis und während der 12.Klasse bewarb ich mich bei der Bundeswehr. Nach mehreren Aufnahmetests trat ich Ende der 80er Jahre in die Luftwaffe ein. Im Rahmen des damaligen Auswahlverfahrens absolvierte ich meine ersten Flugstunden auf einer einmotorigen Beachcraft Bonanza und durfte nach etwa 18 Flugstunden meinen ersten Soloflug absolvieren. Nach weiteren Vorbereitungskursen trat ich die 13-monatige Ausbildung zum Strahlflugzeugführer auf der Sheppard Airforce Base in Texas an. Hier wurden erst auf einem Unterschalltrainer (damals die T-37 Tweet) und dann auf dem Überschalltrainer T-38 Tallon die Grundlagen des militärischen Fliegens gelehrt.

Im November 1994 wurden mir zum Abschluss der Ausbildung die begehrten „Wings“ verliehen, das Abzeichen des Jetpiloten. Nun ging es  zur Waffensystemausbildung weiter nach Alamogordo, New Mexico, um die F-4E Phantom II fliegen zu lernen. Zurück in Deutschland mussten die europäischen Verfahren auf der deutschen F-4F gelernt werden und die taktische Ausbildung vertieft werden, um später als Rotten- dann als Schwarmführer mehrere Flugzeuge gleichzeitig in einer Formation zu führen.

Mit der Einführung des Waffensystems EUROFIGHTER konnte ich auf ein Kampfflugzeug umschulen, das im Erstflug jeden Piloten ein breites Jungengrinsen ins Gesicht malte.

Leider hat jeder Lebensabschnitt mal ein Ende und so startete ich nach 20 Jahren aktiver Fliegerei im Mai 2014 das letzte Mal die Triebwerke, hob das letzte Mal ab, überstieg die dichte Bewölkung bis zum Sonnenschein und fuhr am Ende der Mission schließlich das Fahrwerk aus, um nach mehreren (very) Low-Approaches zu landen.

Damit hatte ich das Kapitel „Fliegen“ mit vielen der tollsten Erinnerungen, die ich mir vorstellen konnte, abgeschlossen. Die Vorstellung zivil Motorflug zu machen, fand ich abwegig: Kann das noch faszinieren???

Bis… ich eines schönen, sommerlichen Sonntags beim Brunchen auf der Terrasse am Flugplatz Ober-Mörlen dem Flugbetrieb zusah und die Gedanke langsam abschweiften und merkte, „es“ ist nicht weg! Die Faszination, die Fliegen auslöst, der Wunsch wieder durch die Luft zu gleiten. Insbesondere das Segelfliegen, dieses fast lautlose Dahingleiten ließ mich gedankenverloren die Aussage tätigen: „DAS würde mich doch mal interessieren…“. Dieser kleine Satz – so einfach vor mich hingesprochen – blieb bei meiner Frau, die mich besser kennt, als ich mich selbst, sofort hängen und wurde nach geheim gehaltener Rücksprache mit dem Aeroclub Bad Nauheim in einen Schnupperkursgutschein verwandelt.

Im August 2018 saß ich dann das erste Mal nach über vier Jahren im Cockpit. Etwas enger, viel weniger Instrument und deutlich näher am Boden, das heißt einer Graspiste, die ich doch mit etwas Skepsis betrachtete. Kann man überhaupt auf so einem Untergrund kontrolliert starten und landen???

Nach kurzer, professioneller Einweisung wurde das Windenseil eingehakt und mit dem Daumen hoch die Startbereitschaft signalisiert. Die Winde lief an, das Seil straffte sich und der Segelflieger rollte an. Die Beschleunigung, die in den ersten Sekunden herrschte war beeindruckend! Das hätte ich nicht erwartet, da kommt kein Triebwerk mit Nachbrenner mit! Dagegen sind die ersten Sekunden beim Start eines Jets fast gemächlich; erst wenn die Triebwerke auf Volllast laufen, beschleunigen die rund 20 Tonnen eines Kampfflugzeugs noch auf der Startbahn weit über die maximale Geschwindigkeit, die ein Segelflugzeug überhaupt erreichen kann, und hebt ab.

Auch den Steigflug des Segelflugzeugs von fast 45° hatte ich nicht erwartet und brauchte eine kurze Weile bis ich auch mental mit im Flieger saß. Am Ende der Startbahn klinkte sich das Windenseil aus und es begann ein – bis auf die Windgeräusche – beinahe lautloses Gleiten. Unter den erfahrenen Händen des Fluglehrers hatten wir schnell einen Thermikbereich gefunden, der uns beim Kreisen einige Meter pro Sekunde Steigen brachte. Unglaublich wie viel Energie in diesen Luftströmen steckt, um ein Flugzeug mit über einer halben Tonne Gewicht emporzuheben!

Auf die Frage: „Möchtest Du jetzt fliegen?“ hatte ich nur gewartet und übernahm begeistert die Kontrollen. Die linke Hand – sonst an den Schubhebeln – suchte eine Position, die sich vertraut anfühlt und fand schließlich den Hebel der Bremsklappen, den ich natürlich tunlichst nicht bewegen wollte! Der Flieger fühlte sich wunderbar verbunden mit den Elementen an, die Geschwindigkeit konnte durch die Windgeräusche fast geschätzt werden und die Luftbewegungen zeigten direkt Auswirkungen auf den Flieger.  Beides völlig neue Erfahrung; insbesondere beim EUROFIGHTER wurde durch das Flightcontrolsystem jedem Umwelteinfluss begegnet, um das Fliegen mit geringer Arbeitsbelastung zu ermöglichen, da viele andere Bordsysteme die Aufmerksamkeit des Piloten benötigen. Hier, beim Segelflug, war das Fliegen die Hauptsache, nur dafür waren wir jetzt in der Luft!

Etwas ungewohnt war die Notwenigkeit das Seitenruder koordiniert mit dem Querruder einzusetzen, um das auftretende Gieren zur Außenseite der Kurve zu übersteuern. Bei der aerodynamischen Konfiguration eines Kampfflugzeugs tritt dieser Effekt nahezu nicht auf, so dass eine Kurve im normalen Geschwindigkeitsbereich selbst bei der Phantom ohne Ruder geflogen werden konnte. Im Eurofighter regeln die Flugrechner alle Steuerflächen im  gesamten Leistungsbereich in jeder Fluglage optimal aus, so dass selbst im Langsamflug das Seitenruder vom Piloten ungenutzt bleiben konnte.

Bei traumhaftem Sommerwetter fanden wir bald erneut Thermik und ich steuerte den gutmütigen Segler unter den erfahrenen Anweisungen aus dem „Backseat“ in den „Bart“. Etwas über uns versetzt kreiste ein Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen in seinem Element: Er fühlt wahrscheinlich die Thermik und kann den geringsten Aufwind nutzen. Ein herrlicher Anblick!

Dann erreichten wir ein Aufwindfeld, das das Variometer auf über fünf Meter pro Sekunde nach oben ausschlagen ließ: Ein Gefühl als ob der liebe Gott persönlich unter die Tragflächen greift und das Flugzeug sanft anhebt. Ich saß im Cockpit und bekam eine Gänsehaut!

Nach etwa einer halben Stunde setzten wir zum Anflug auf die unvertraute Graspiste an. Einer meiner wenigen Landungen, bei der beim  ersten Anflug alles sitzen MUSS: Schub geben und Durchstarten war keine Option! Sanft schwebten wir mit ungewohnt langsamer Geschwindigkeit und für mein Gefühl viel zu nahe an den unebenen Boden heran. Das Hauptrad setzte auf und rollte unerwartet ruhig aus.

Was für ein tolles Erlebnis! Das wird meine neue Leidenschaft!!!